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Peter Engel, Hamburg - Zu den Mythologischen Bildern des Malers Henri Deparades

Rede zur Vernissage einer Ausstellung in einer Hamburger Galerie, 2008

Die bildende Kunst hat von ihren allerersten Anfängen an aus dem Mythos geschöpft; aus den Sagen und frühen Dichtungen von Göttern, Helden und Geistern der Urzeit. In immer neuen Anläufen haben es die Maler und Bildhauer mit den ihnen eigenen Mitteln unternommen, die uralten Geschichten wieder und wieder zu gestalten. Die Flut dieser Bilder und Skulpturen reicht von den vorgeschichtlichen Artefakten bis an die Schwelle der Moderne heran und über sie hinaus.

Manche Theoretiker haben gerade die Überwindung dieses als „literarisch“ diffamierten gewaltigen Erbes als das entscheidende Merkmal einer Emanzipation der bildenden Künste gefeiert und dabei die alleinige Beschäftigung der Kunst mit sich selbst auf den Schild gehoben. Mittlerweile wird jedoch diese Nabelschau und Selbstbezüglichkeit der Kunst zunehmender und immer schärfer werdender Kritik unterzogen. Denkt man in diesem Zusammenhang an die tiefgründigen Schöpfungen Anselm Kiefers oder an die Rätselbilder eines Neo Rauch, um nur zwei von weltweitem Erfolg begünstigte Positionen zu nennen, so scheint ein neues Anknüpfen an literarische Thematik, ein abermaliges Ausschöpfen mythologischer Quellen nachgerade zu das Gebot der Stunde zu sein.

Kann also die mythische Überlieferung – im vorliegenden Falle die der alten Griechen – unter heutigen Aspekten noch einmal in Malerei übersetzt werden? Das ist die zentrale Frage, die von den hier gezeigten Bildern Henri Deparades aufgeworfen wird. Will man diese Frage nicht gleich mit einem klaren Ja oder einem entschiedenen Nein beantworten, sie also nicht unbefragten Geschmacksurteilen überlassen, sollte man nach Gründen Ausschau halten, die für die Dignität eines Versuchs sprechen, die ewigen Konstellationen zwischenmenschlicher Verhältnisse, also die der Liebe und des Hasses, der Zuwendung und der Demütigung, des Kampfes und der Versöhnung, mit Hilfe von Farben und Formen neu vor die Augen der Betrachter zu rücken.

Henri Deparade, der insbesondere von der Argonautensage und der Orestie fasziniert ist, sich aber auch mit den um Troja kreisenden Sagen und mit der Ödipus-Gestalt beschäftigt hat, illustriert diese alten Stoffe nicht einfach, drapiert das mythische Personal nicht mit neuen Klamotten, um es einmal etwas salopp zu formulieren. Vielmehr holt er aus dem Uralten bildnerisch Situationen und Konflikte hervor, die uns immer noch etwas angehen können. Er sieht in Medea und Jason, in Agamemnon und Klytaimestra, in Odysseus und Kirke Archetypen, in denen nach einem Wort von Ernst Bloch noch viel „Unausgearbeitetes“ umgeht, das es zur Erscheinung zu bringen gilt. Henri Deparade rückt seine klassischen Protagonisten, die schon so häufig geformt und gedeutet worden sind, mit sensiblem Gespür für ihre paradigmatischen Existenz- und Gefühlslagen neu ins Bild.

Der Maler tut das mit einem erregten Pinselduktus, der die Profile und Körper seiner Figuren unruhig umspielt, sie aus der mythischen Ferne gleichsam heraufruft in unsere Gegenwart. Heraufruft zu neuer Zeugenschaft, die uns etwas bedeuten kann, wenn wir uns hineinsehen in seit jeher bestehende und auch in der Gegenwart andauernde Grundkonstellationen und Konflikte. Und indem wir uns über Farben und Formen hineinziehen lassen in das unabgegoltene mythische Geschehen, gewinnen wir Sichtweisen, die wohl fruchtbar zu machen sind für die Deutung unserer Gegenwart.

Es ist dabei nicht nur möglich, sondern ausgesprochen ratsam, dass jeder Betrachter vor einem dieser Bilder zu seiner eigenen Auffassung, seiner eigenen Deutung kommt. Eine Verbindlichkeit, die für alle gilt, intendieren diese Gemälde nicht, sie lassen genügend Raum für unterschiedliche Sichtweisen und für das assoziative Spiel der Phantasie, machen gewissermaßen Vorschläge, die aufgegriffen, aber auch verworfen werden können.

Gleichwohl wird einer völligen Willkür bei der visuellen Aneignung dieser Bilder doch entgegengearbeitet, und dabei kommt der Farbigkeit der Werke eine Schlüsselfunktion zu. Es ist natürlich keineswegs gleichgültig, ob eine mythologische Szene etwa in leuchtendes Rot getaucht ist oder überwiegend in Blautöne eingebettet wird. Ob ein bestimmtes Grün einem passenden Ocker korrespondiert, oder ob sich blaue Valeurs mit giftigen Tönen streiten, es sind allemal Seelenfarben, wie ich sie nennen möchte, die hier Leitfunktion haben, die deutliche Signale aussenden und eine enorme Dynamik ins Bildgeschehen bringen, heftige Reize evozieren und Stimmungen vielfältigster Art grundieren.

Wer diese Bilder also „lesen“ will, muss sich in besonderer Weise einlassen auf ihre Farbigkeit, muss ihren im Malvorgang getilgten und dann teils doch wieder aufbrechenden Spuren folgen, den Überschneidungen der Linien nachgehen und das prononcierte Herauszeichnen klassischer Profile erkennen. Ein so eingestimmter Betrachter wird sich in den reichhaltigen Arbeitsprozess hinzuversetzen suchen, der bei der Entstehung dieser Bilder abgelaufen ist. Im insistierenden Nachvollzug der gestischen Malweise offenbart sich ihm dann, was die Körperhaltungen dieser mythologischen Gestalten ausdrücken, was ihre mitunter aufgerissenen Münder uns an Botschaften zuzurufen scheinen aus einer vorrationalen, sich eben in Bildern artikulierenden Welt. Sie ist in Wahrheit von unserer angeblich so aufgeklärten zeitlich gar nicht so weit entfernt, vielmehr wurzeln wir mit vielen Fasern unserer Existenz noch immer in ihr. Vom antiken Mythos zur Loveparade ist es nur ein verhältnismäßig kleiner Schritt, wenn man das Gewoge der Gestalten hier und dort auf die bestimmenden Grundzüge hin betrachtet.


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